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Kultur 26/09/2019
Vergessene Schicksale
Ausstellung. Eine Salzburger Forscherin der Universität Salzburg widmet sich den Lebensgeschichten armenischer Kriegsgefangenen in österreichischen Lagern des 1. Weltkrieges.

 

Während des Ersten Weltkriegs kämpften in der russischen Armee auch armenische Soldaten gegen Österreich-Ungarn. Hunderte gerieten in Gefangenschaft und mussten als Insassen der österreichischen Kriegsgefangenenlager, darunter auch in Grödig, als Helfer bei Bauern, in Fabriken oder im Straßenbau arbeiten. Ihren Schicksalen ist Jasmine Dum-Tragut, Leiterin der Abteilung für Armenische Studien am Zentrum zur Erforschung des Christlichen Ostens (ZECO) an der Universität Salzburg, nachgegangen und hat sie in einem Forschungsprojekt aufgearbeitet, das jetzt in der Ausstellung „Fernab der Heimat, in der Heimat“ anhand von einzigartigen Exponaten und ausgewählten Lebensgeschichten von 20 Soldaten im Genozid-Museum in der armenischen Hauptstadt Jerewan präsentiert wird. „Mit den armenischen Kriegsgefangenen in österreichischen Lagern hat sich bisher noch niemand auseinandergesetzt. Ich habe versucht, ihre Geschichte, zu denen es dank der Aufzeichnungen des österreichischen Anthropologen Rudolf Pöch gute Anhaltspunkte gibt, zu verfolgen. Ich habe mich auf die Suche gemacht nach den Erfahrungen der Soldaten fernab der Heimat an der Front, ihrer Gefangenschaft, Flucht oder Befreiung, ihrer Rückkehr in die Heimat und ihrem Leben nach dem Krieg“, erzählt die Salzburger Forscherin.

Ein Stück Bewusstseinsbildung

Jasmine Dum-Tragut ist die einzige habilitierte Armenologin in Österreich. Nach dreijähriger Arbeit in österreichischen, armenischen und russischen Archiven und intensiver Feldforschung in den Heimatdörfern der Kriegsgefangenen, wo Dum-Tragut Angehörige aufgesucht hat, werden nun die Schicksale von 20 Soldaten in der Ausstellung „Fernab der Heimat, in der Heimat“ im Genozid-Museum in Jerewan noch bis 31. Oktober 2019 präsentiert. Zu sehen sind Exponate aus den Kriegsgefangenenlagern, Archivfotos, Videos, Dokumentarfilme, alte Tonaufnahmen und jüngst dokumentierte Erinnerungen von Verwandten der Soldaten. Die Idee zur Ausstellung stammt von Dum-Tragut, die die Ausstellung auch kuratiert und (mit-)organisiert. „Wenn vom 1. Weltkrieg die Rede ist, denkt in Armenien jeder an den furchtbaren Genozid, den Jungtürken im Jahr 1915 im damaligen Osmanischen Reich an bis zu 1, 5 Millionen Armeniern verübt haben. Das Ziel der Ausstellung ist es, auch die Geschichte jener Armenier ins Bewusstsein zu rufen, die im 1. Weltkrieg in der russisch-zaristischen Armee an der Front gekämpft haben.“ 

Geschichtsträchtiges Armenien

Armenien, das Bergland im Südkaukasus zwischen Georgien, Aserbeidschan, dem Iran und der Türkei, kaum so groß wie Niederösterreich und Oberösterreich zusammen, zählt heute ungefähr zwei Millionen Einwohner. Etwa 10 Millionen Armenier leben über die ganze Welt verstreut. „Ich bin aufgrund des Studiums der Armenologie, auf das ich durch Zufall gekommen bin, seit 31 Jahren regelmäßig in Armenien, “ berichtet Jasmine Dum-Tragut, deren Interesse an der Thematik ursprünglich durch Phonogramm-Aufnahmen von Armeniern geweckt wurde, die der österreichische Anthropologe Rudolf Pöch während des Ersten Weltkriegs im Auftrag von Kaiser Franz Josef und der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften in österreichischen Kriegsgefangenenlagern gemacht hatte. Pöch hatte 7000 russische Kriegsgefangene, darunter auch 200 Armenier, anthropologisch untersucht. „Damals war ich von Stimmaufnahmen so fasziniert, dass ich mich auf die Suche nach der Person zur Stimme gemacht habe. Das war der Keim meiner Forschung, die jetzt in der Ausstellung mündet“, sagt die 54jährige gebürtige Steirerin. 

Bei der Ausstellung unterstützt wird sie - nebst dem österreichischen Außenministerium - vor allem vom Team des Genozid-Museums um Direktor Harutyun Marutyan, der auf die außergewöhnliche Tatsache verweist, dass eine Österreicherin Forschung zu Armenien macht und diese Forschung in Armenien präsentiert. 


INFO

Ausstellung 

„Fernab der Heimat, in der Heimat. Schicksale armenischer Soldaten im Ersten Weltkrieg“ 

Sonderausstellung im Genozidmuseum, Jerewan, 31. August - 31. Oktober 2019 

Die Ausstellung ist dreisprachig: Armenisch, Deutsch und Englisch. Leihgeber sind das Dept. für Evolutionäre Anthropologie der Universität Wien (Sammlung nach Pöch), Österreichische Nationalbibliothek, das Staatsarchiv, das Kriegsarchiv, das Naturhistorische Museum, das Salzburg Museum u.v.m. 

http://www.genocide-museum.am/eng/, #ArmenianPOWAustroHungariaWWI

 

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