Während erfahrene Leistungsträger in großer Zahl ausscheiden, können zu wenige junge Arbeitskräfte nachbesetzt werden. Dies treibt die Personalkosten, gefährdet das Sozialsystem und führt dazu, dass die Erwerbsbevölkerung in den kommenden Jahren schrumpft.

Österreichs Gesellschaft altert rasant: Der Anteil der über 65-Jährigen liegt bereits bei über 20 Prozent und wird Prognosen zufolge bis 2040 auf rund 2,5 Millionen Menschen anwachsen. Hauptursachen für diese demografische Verschiebung sind die steigende Lebenserwartung, das Ausscheiden der Babyboomer-Generation und ein historisch niedriges Geburtenniveau.

Die Geburtenraten sinken weltweit, während die Lebenserwartung steigt.

Denn die Geburtenraten sinken weltweit, während die Lebenserwartung steigt. Österreich folgt diesem Trend deutlich: Die Zahl der Erwerbspersonen (15–64 Jahre) wird bis 2040 um rund 261 000 zurückgehen. „Während Wien wächst, schrumpfen nahezu alle anderen Bundesländer. Das Ausscheiden der Babyboomer verschärft das Defizit zusätzlich – weniger junge Menschen rücken nach, als Ältere den Arbeitsmarkt verlassen. Dieses Muster betrifft nahezu alle entwickelten Volkswirtschaften“, erklärt Rolf Gleißner, Leiter der Abteilung Sozial- und Gesundheitspolitik in der Wirtschaftskammer Österreich (WKÖ).

Pensionssystem unter Druck

Die Finanzierung des aktuellen Pensionssystems steht unter großem Druck. Da immer weniger Erwerbstätige für immer mehr Pensionisten aufkommen müssen, droht die Finanzierungslücke zu explodieren. Zudem führt die Alterung der Belegschaft zu einem akuten Fachkräftemangel in fast allen Branchen. Um die Wirtschaft aufrechtzuerhalten, ist Österreich massiv auf qualifizierte Zuwanderung angewiesen, da die Bevölkerung ohne Migration stark schrumpfen würde.

ENORME HERAUSFORDERUNGEN

Der Übergang der Babyboomer (geboren ca. 1955–1970) in die Pension bis 2035–2040 stellt die Pensionssysteme durch ein massives Ungleichgewicht von wenigen Beitragszahlern zu vielen Pensionisten vor enorme finanzielle Herausforderungen. Die Pensionsausgaben steigen stark, was Steuererhöhungen, geringere Pensionen oder ein höheres Antrittsalter notwendig macht.

Es braucht mehr strategische Personalplanung: Erfolgreiche Unternehmen investieren stärker in eigene Ausbildung, rekrutieren international, halten ältere Mitarbeiter länger im Betrieb und sichern ihr Stammpersonal auch in rezessiven Phasen.

Zudem befeuert das Ausscheiden vieler Babyboomer den ohnehin schon starken Fachkräftemangel. Gleichzeitig steigt auch noch die Teilzeitquote kontinuierlich an. Die so gewünschten und benötigten Vollzeitkräfte sind weniger verfügbar. „Unternehmen benötigen Vollzeitkräfte, gleichzeitig steigt die Teilzeitquote kontinuierlich – getrieben von steuerlichen Verzerrungen und einer stärkeren Orientierung an Freizeit. Pro Kopf wird weniger gearbeitet als vor der Pandemie; die betriebliche Nachfrage und individuelle Arbeitszeitwünsche driften auseinander“, erklärt dazu Rolf Gleißner, der auch noch folgende Hinweise gibt: „Die Qualifikationen vieler Arbeitsuchender entsprechen zunehmend weniger den Anforderungen einer digitalisierten und ökologisch transformierten Wirtschaft. Gleichzeitig bestehen starke regionale Disparitäten: Wien verfügt über viele Arbeitsuchende, während insbesondere Westösterreich unbesetzte Stellen im Tourismus und Gewerbe verzeichnet. Global wirkt zusätzlich eine strukturelle Asymmetrie: Länder mit hohen Geburtenraten – vor allem in Afrika und Teilen des arabischen Raums – kämpfen meist mit schwachen Bildungssystemen und fehlender Marktadäquanz der Qualifikationen. Im Norden herrscht daher ein Volumenproblem, im Süden ein Qualifikationsproblem.“

Der Pflegebedarf steigt

Trotz der steigenden Lebenserwartung stagniert die Zahl der gesunden Lebensjahre, wodurch die Menschen im Alter länger auf medizinische und pflegerische Betreuung angewiesen sind. Dies führt zu einer enormen Belastung des Gesundheitssystems und einem drastischen Personalmangel im Pflegebereich.

 

ES BRAUCHT STRATEGISCHE PLANUNG

Aufgrund der demografischen Entwicklungen und des daraus resultierenden Fachkräftemangels müssen Unternehmen ihre Personalpolitik konsequent an die strukturellen Veränderungen anpassen. Gleichzeitig ist die Politik gefordert, geeignete Rahmenbedingungen zu schaffen. Es braucht auch mehr strategische Personalplanung: Erfolgreiche Unternehmen investieren stärker in eigene Ausbildung, rekrutieren international, halten ältere Mitarbeiter länger im Betrieb und sichern ihr Stammpersonal auch in rezessiven Phasen. Mitarbeiterbindung wird zu einem zentralen Wettbewerbsfaktor.

Die Politik ist gefordert, die Potenziale im Inland auszuschöpfen und für die nötigen Rahmenbedingungen zu sorgen. Notwendig wären unter anderem steuerliche Anreize für längeres Arbeiten und Mehrarbeit. Gleichzeitig müssen Migranten im Inland – insbesondere mit Fluchthintergrund – wesentlich schneller und effizienter in den Arbeitsmarkt integriert werden.

Die Zahl der Erwerbspersonen (15–64 Jahre) wird in Österreich bis 2040 um rund 261 000 zurückgehen.

„Der derzeitige konjunkturelle Druck mindert das Problem nur vorübergehend. Mit der wirtschaftlichen Erholung wird der Fachkräftebedarf mit voller Stärke zurückkehren. Der internationale War for Talents wird sich weiter verschärfen, Österreich konkurriert nicht mehr regional, sondern global“, so Rolf Gleißner. Ohne Reformen bei Arbeitsanreizen und ohne erfolgreiche qualifikationsorientierte Zuwanderung droht eine dauerhafte Wachstumsbremse. Nur ausreichend qualifizierte Fachkräfte ermöglichen eine nachhaltige wirtschaftliche Erholung.

Zwischen 2016 und 2023 gingen die Geburtenraten in Österreich abermals zurück. Von zehn Geborenen pro 1.000 Einwohner auf 8,50 pro 1.000 Einwohner.
(Quelle: www.thegloblaeconomy.com)

Strukturelles Dauerproblem

Der Fachkräftemangel ist ein strukturelles Dauerphänomen. Länder wie Deutschland, Skandinavien oder in Übersee investieren massiv in Fachkräfteinitiativen. Österreich muss diesem Wettbewerb aktiv begegnen. Entscheidend sind eine klare Willkommenskultur für benötigte Fachkräfte bei zugleich eindeutigen Anforderungen an Qualifikation.

Geburtenraten in Österreich zwischen 1960 und 2023: Der durchschnittliche Wert für Österreich in diesem Zeitraum lag bei 11.94 Geburten pro 1000 Einwohner mit einem Minimum von 8.5 Geburten pro 1000 Einwohner im Jahre 2023 und einem Maximum von 18.8 Geburten pro 1000 Einwohner im Jahre 1963. Der neuste Wert aus dem Jahr 2023 liegt bei 8.5 Geburten pro 1000 Einwohner. Zum Vergleich: Der Weltdurchschnitt im Jahr 2023, basierend auf 196 Ländern, liegt bei 17.86 Geburten pro 1000 Einwohner. (Quelle: www.thegloblaeconomy.com)

Christian Granbacher-Roth