„Denk positiv!“ – was gut gemeint ist, kann in der falschen Dosierung schnell zur Last werden. Dr. Roman Braun, Mentaltrainer und NLP-Coach, warnt: „Positives Denken wird problematisch, wenn es zwanghaft wird.“
ECHO: Herr Dr. Braun, wir leben in schwierigen Zeiten mit hohen Kosten und wirtschaftlichen Problemen. Eigentlich bräuchte es doch viel positives Denken, oder?
Braun: Ja, es ist ein bisschen komplexer. Es stimmt, wir brauchen positive Emotionen. Die Psychologie spricht hier vom „Happiness Advantage“. Studien zeigen, wenn man etwas macht, das einen in eine bessere Stimmung bringt, dann kann man anschließend auf jedem Gebiet bessere Leistungen abrufen. Eine Studie, die bereits über 20 Jahre alt ist, zeigte, wenn man einen Bleistift drei Minuten fest zwischen den Zähnen hält, verwendet man dazu die Lachmuskulatur und mein Körper gibt dieses Feedback ans Gehirn weiter. Man ist danach also in besserer Stimmung. Dieser „Happiness Advantage“ wirkt sich dann positiv auf unsere Produktivität aus.
Streng davon unterscheiden muss man aber die Positivität als Mittel zum Zweck. Gemeint ist die Spaßkultur oder Bierzeltfröhlichkeit, die wir als Selbstzweck nutzen. Diese Form der Positivität kann toxisch sein und ähnlich wie eine Droge wirken. Es ist, als würde man ein Pflaster auf eine schmutzige Wunde geben. Diese Positivität brauchen wir in Zeiten wie diesen nicht.
ECHO: Welche Gefahr birgt diese toxische Positivität?
Braun: Wenn ich meine verbesserte Stimmung dazu nutze, meine Probleme zu verdrängen und Dinge die ich angehen sollte, beiseiteschiebe und mich ablenke, dann ist diese Stimmungsverbesserung ähnlich, als wenn ich Substanzen genommen hätte. Die Stimmungsverbesserung als Droge oder Analgetikum sozusagen. Damit ich nicht spüre, was wehtut. Das ist toxisch. Wir sollten die positive Stimmung jedenfalls produktiv und positiv nutzen und in Ergebnisse umwandeln. So haben wir die Möglichkeit, uns wie Münchhausen am eigenen Zopf aus dem Sumpf der schlechten Stimmung zu ziehen.
„Aus gutem Grund sind wir in der Lage auch negative Gefühle zu haben. Weil uns ein negatives Gefühl signalisiert, ich bin in der falschen Richtung unterwegs.“
Dr. Roman Braun, Mentaltrainer und NLP-Coach
ECHO: Welche Folgen kann es haben, wenn negative Gefühle dauerhaft unterdrückt werden?
Braun: Das dauerhafte Unterdrücken negativer Gefühle kann schwerwiegende psychische und körperliche Folgen haben. Wissenschaftlich ist belegt, dass unterdrückte Emotionen nicht verschwinden, sondern sich aufstauen und verstärken.
ECHO: Geht es den meisten Menschen eher darum zu verdrängen oder ihre Ziele zu erreichen?
Braun: Einige Personen kommen zu mir ins Coaching und erwarten, dass ich ihnen Psychotricks verrate, damit sie weniger Probleme spüren und die Probleme, die es da draußen in der Welt gibt zu vergessen. Und es gibt welche, die Positivität suchen, um die vorherrschenden Probleme tatsächlich angehen zu können. Mit den erstgenannten Klienten arbeite ich daran, dass sie ihre Einstellung ändern. Sie müssen erkennen, dass Probleme zu verdrängen und zu verleugnen nicht zielführend ist.
ECHO: Wie gelingt es Probleme tatsächlich zu bewältigen?
Braun: Viele Menschen brauchen noch das Wissen, dass wir selbst unsere Stimmung aktiv verbessern können. Und zwar nicht nur in der Zeit in der wir im Urlaub sind, sondern im Alltag. Positive Körpersprache beispielsweise wirkt nicht nur nach außen, sondern auch nach innen. Meditation und sich Zeit für sich selbst zu nehmen wirkt sich auch positiv aus. Und man kann seine Gedanken leiten, indem man die richtigen Fragen stellt. Weg vom Grübeln, warum ist alles so schlecht?, hin zu den Fragen, worüber in meinem Leben bin ich glücklich? Wen liebe ich und von wem werde ich geliebt? Die stärkste Frage ist: Wofür in meinem Leben bin ich dankbar? Dankbarkeit ist die stärkste Methode, um meine Stimmung zu verbessern.
Ein weiterer Aspekt um seine Stimmung tatsächlich zu verbessern sind gute Taten. Viele denken sie seien ohnehin gestresst und sollte nun auch noch etwas für jemand anderen tun. Das erscheint im ersten Moment viel verlangt, aber Studien zeigen hier eindeutige Ergebnisse. Menschen der ersten Kontrollgruppe, die etwas für sich selbst machen und Personen der zweiten Kontrollgruppe, die etwas für jemand anderen tun, fühlen sich schon bald danach sehr unterschiedlich. Nach einer halben Stunde geht es beiden besser. Aber schon nach einer Stunde geht es jenen, die etwas für jemanden anderen gemacht haben gleich gut und jenen die etwas für sich selbst gemacht haben, geht es so schlecht wie zuvor. Den Personen der zweiten Kontrollgruppe geht es selbst sechs Stunden danach noch besser.
„Wir sollten die positive Stimmung jedenfalls produktiv und positiv nutzen und in Ergebnisse umwandeln. So haben wir die Möglichkeit, uns wie Münchhausen am eigenen Zopf aus dem Sumpf der schlechten Stimmung zu ziehen.“
Dr. Roman Braun, Mentaltrainer und NLP-Coach
ECHO: Sie sagen negative Gefühle sind kein Fehler, sie sind ein Kompass. Was ist damit gemeint?
Braun: Aus gutem Grund sind wir in der Lage auch negative Gefühle zu haben. Weil uns ein negatives Gefühl signalisiert, ich bin in der falschen Richtung unterwegs. Dann wäre es gut, wenn ich anhalte, wenn ich sage Stopp. Worum geht es eigentlich? Denn negative Gefühle weisen auf Bedürfnisse hin und motivieren zu notwendigen Veränderungen. Eine empathische Haltung erkennt dies an und bietet echte Unterstützung statt oberflächlicher Beschwichtigung. Die Kunst liegt darin, Hoffnung zu vermitteln, ohne die aktuellen Schwierigkeiten zu bagatellisieren. Dies gelingt durch eine Kombination aus emotionalem Verständnis, praktischer Unterstützung und realistischem Optimismus.
Interview: Christian Granbacher-Roth
„Aus gutem Grund sind wir in der Lage auch negative Gefühle zu haben. Weil uns ein negatives Gefühl signalisiert, ich bin in der falschen Richtung unterwegs.“









